Es wird langsam dunkel. Valerian lümmelt auf zwei Strohballen, umgeben von einigen Soldaten unter einem Vorzelt, ein Glas Wein in der Hand. Rund um die kleine Gruppe herum hektische Betriebsamkeit. Die beiden Pegasusbanner haben ihren Abschnitt ausgebaut und der Dienst ist für heute beendet. Überall im Lager brennen kleine Feuer, an denen das mehr oder weniger gut gekochte Essen der einzelnen Decurien schmurgelt. Nur die Wachen haben die ehrenvolle Aufgabe, für die Sicherheit der KameradInnen durch aufmerksame Beobachtung der Vorwerke zu sorgen. Eine Soldatin, keine 20 Jahre alt, schärft mit einem Schleifstein Bogenspitzen. Ein weiterer Soldat, man sieht ihm die Erfahrung an den tiefen Furchen im Gesicht an, ölt seine Waffe. Die Stimmung ist den Umständen entsprechend gut, obwohl niemandem wirklich nach Feiern zumute ist. Valerian tauscht einige Sätze mit der Decuria aus, welche sich ebenfalls bei der Gruppe niedergelassen hat.

„Das Lager ist aufgebaut. Das Korps der Heiler hat ebenfalls in der Überdachung Quartier bezogen. Wir sind einsatzbereit. Wir warten noch auf die letzte Lieferung der Vorräte, aber ansonsten ist alles in Plan.“ Der Priester nickt bedächtig und nippt ein wenig gedankenverloren am Wein. „Danke Decuria.“ Die Decuria nickt, steht auf und nimmt sich mit der Schöpfkelle einen Batzen an Eintopf. Der Eintopf ist eingekocht und fällt, sehr zum Missfallen der Soldatin, als ein kompaktes, patziges Stück in die Schüssel. Die Soldaten rundherum grinsen verstohlen und auch Valerian kann sich eines süffisanten Lächelns nicht erwehren. „Nicht ganz vergleichbar mit der Kasernenkost.“, lässt er beiläufig fallen und spült die Worte mit einem Schluck Wein hinunter. Die Decuria starrt in die Schüssel stochert mit dem Löffel im Brei und murmelt wenig begeistert: „Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich es für Mauermörtel gehalten.“ Ein leises Lachen geht durch den Haufen die SoldatInnen und die Decuria lässt sich auf einem der Strohballen nieder, noch immer leicht fassungslos ob der Qualität des Eintopfes.

Nach dem Essen widmen sich die Soldaten im Kreis des Feuers ihrer Tätigkeiten. Ein Soldat, an den Tattoos im Gesicht als Rwang zu erkennen, hat sich eine Pfeife angezündet während zwei weitere Soldaten ein Würfelspiel ausgepackt haben und über einem Becher Wein Kupferstücke den Besitzer wechseln.

Die junge Soldatin widmet ihren Pfeilspitzen weiter die volle Aufmerksamkeit. Sie hat noch keine zweimal aufgeblickt, seitdem sich das kleine Grüppchen hier versammelt hat. Es sieht so aus, als ob sie das Ziel verfolgen würde jede einzelne der Spitzen zur Schärfe eines Rasiermessers zu schleifen. Valerian mustert die junge Frau eindringlich. Schließlich greift er nach der Weinflasche, füllt seinen und den Becher des neben ihm sitzenden Soldaten auf und fragt beiläufig: „Was bedrückt dich, Soldatin?“ Die Soldatin hält kurz inne, schleift dann ihre Spitzen weiter ohne aufzublicken. Die Blicke der restlichen Soldaten richten sich auf die junge Frau. „Freiherr, darf ich offen sprechen?“ Valerian nimmt einen Schluck aus dem Becher „Ich bitte darum“. Nach zwei kurzen Sekunden seufzt die Frau, blickt auf und sieht Valerian an. „Warum kämpfen wir hier? Warum sind wir hierher gesendet worden? Haben wir in Whenua nicht genug Probleme? Fly hat unsere Hauptstadt abgebrannt, wir jagen die Totenbeschwörer des Muel`Sa und die Flüchtlinge fressen uns die Haare vom Kopf, geschweige denn dass es keine Scheune in Linsar gibt, in der sich nicht ein paar Taugenichtse verkrochen haben. Warum sind wir hier?“ Valerian blickt in den Becher, sieht dann in die Runde „Ist das eine Frage, die hier noch andere beschäftigt?“ Die SoldatInnen blicken sich unsicher an, dann beginnen einige von ihnen fast verschämt zu nicken. Valerian blickt in die Runde, hebt eine Augenbraue und setzt sich ein wenig auf. „Berechtigte Frage. Lasst mich das ein wenig ausführen.“

Er greift nach einem Stock und beginnt damit im Lagerfeuer zu stochern. „ Tricius, deine Schwester hat vor einem Monat entbunden, oder?“ Der Soldat blickt fast ein wenig erschrocken auf „Ja Herr, eine Tochter. Valentina“ Valerian nickt, deutet mit einem Stab auf eine andere Soldatin. „Du kommst aus Hammerschmidt, richtig?“ Die Soldatin blickt Valerian an und nickt „Ja Herr, meine Familie hat dort am Fluss eine Gerberei. “ Valerian blickt den Rwangkrieger an „Und du, bist vor drei Monaten zu uns gekommen, Adlersippe, oder?“ Der Krieger nickt bedächtig und mustert den Freiherren. Valerian hält kurz Inne. „Jeder von Euch hat es zum Teil den Traleanern zu verdanken, dass es ihm oder seinen Liebsten gut geht. Valentina war eine schwere Geburt. Der Medicus war aber rechtzeitig zur Stelle.“ Tricius nickt und blickt ins Feuer. „Der Medicus war deshalb rechtzeitig, weil wir die Heilerakademie in der Hälfte der vorgesehenen Zeit aufbauen konnten. Die traleanischen Steinsinger haben uns viel Zeit und Geld gespart, die wir in die sofortige Ausbildung gesteckt haben. Deshalb war in deinem Dorf ein Medicus, der gerade seine Prüfung vorbereitet hat.“ Dann blickt er zur Soldatin. „Eure Gerberei steht direkt am Überflutungsgebiet des Flusses. Die Steinsinger haben mit den Zwergen in Hammerschmidt gesprochen und eine Regulierung gebaut. Nie wieder Überflutung“ Dann geht sein Blick zum Rwangkrieger. „Die Traleaner haben uns großzügig unterstützt, als sie von der Katastrophe in Ostarium gehört haben. Wir müssen die Flüchtlinge unterbringen, müssen sie immer noch versorgen. Ohne das Gold und die Ressourcen der Traleaner hätten wir den Bereich, in dem dein Stamm jetzt frei jagen darf, roden müssen. Ihr habt es direkt und indirekt den Traleanern zu verdanken, dass meine Mutter euch die Jagdrechte gewähren konnte.“ Er setzt den Becher ab, stützt seine Ellbogen auf die Knie und beugt sich leicht nach vor und blickt einen Soldaten nach dem anderen an. „Wir sind hier, um einen Teil dieser Schulden zu begleichen. Wir sind alle Diener unseres Volkes. Ihr, weil ihr mit Feuer und Schwert diejenigen verteidigt, die sich nicht wehren können. Ich, weil ich dafür Sorge trage, dass unser Volk sicher leben kann, koste es was es wolle. Wir sind hier, weil Sindelstein ohne Tralea die Krisen nicht so meistern hätte können. Wir sind hier, weil wir immer dort stehen, wo andere nicht mehr helfen können und wir sind hier, weil das Wohl der anderen über unserem eigenen Wohl steht.“ Schweigen breitet sich aus. Keine der SoldatInnen sagt etwas. Die junge Frau blickt weiter auf die Pfeilspitze, die sie zwischen den Fingern hält, setzt dann an: „Freiherr?“ Valerian blickt auf sie hinunter. Sie sieht zu ihm hoch und lächelt verschmilzt „Damit kann ich leben“.